F*CKING NEWISM

Gestern Abend ist mir das Juli Trend-Briefing von trendwatching.com in den E-Mail Postkasten geflattert. Und es hat mich wiedermal aufgeregt. Obwohl ich weiß, dass es das Business von Trendforschern ist, alle Nase lang einen neuen –ism zu hypen.

Was diesen Monat unter dem Trend „NEWISM“ propagiert wird, ist aber ein besonderer Leckerbissen, den ich Euch nicht vorenthalten möchte. Hier der Teasertext:

Definition NEWISM:
„Neu“ war noch nie heißer. Für die Konsumenten, die in der EXPECTATION ECONOMY aufgewachsen sind und immer das Beste vom Besten verlangen ist „neu“ sogar gleichbedeutend mit „gut“. Überall auf der Welt tauchen ständig immer bessere Produkte und Services auf, und Neues kann ganz unkompliziert ausprobiert werden (ganz besonders online) – und das bei wenig bis null Risiko. In Bezug auf Status heißt neu auch interessant, cool, (mehr) Neues erleben, der erste sein, … nun ja, „neu“ eben! 😉 Zeit, dass Sie sich in Bewegung setzen und der Lust ihrer Konsumenten für NEWISM entsprechen. (Quelle: http://www.trendwatching.com)

Darüber ist sinnigerweise das Foto einer Menschentraube abgebildet, die vor einem H&M Schlange steht. Wahrscheinlich der schlagende Beweis dafür, dass etwas heute wirklich nur noch neu sein muss, damit es als „gut“ wahrgenommen wird. Ich will damit niemanden zu nahe treten, der gerne bei H&M einkauft. Aber besonders gut (im alten Sinne) oder gar das Beste vom Besten ist es nun wirklich nicht.

Also, was soll mir dieses Trendbriefing jetzt sagen? Soll  ein Unternehmen jetzt auf Teufel komm raus nur noch Neues rausballern – ganz egal, wie die Qualität ist. Hauptsache neu? Und was ist an diesem Trend an sich bitte schön neu?

Aber vor allem: Was ist daran gut?
Mir wird ganz übel bei der Vorstellung von Millionen Menschen, die als NEU-Süchtige blind  jedem Trend und jeder Produktneuheit hinterher hecheln und dafür ihre komplette Kohle auf den Kopf hauen.

Und was ist mit den arbeitslosen Jugendlichen, z.B. über 50% in Spanien und Griechenland, mit den über 36% in Portugal und Italien, 24% in Schweden, über 20% in Frankreich und England …, die auch alle in der EXPECTATION ECONOMY aufgewachsen sind. Haben die auch nur Neues im Kopf? Und wovon sollen sie es bezahlen? In welcher Welt leben diese Trendforscher eigentlich?? Haben wir keine anderen Trends als NEWISM?

Damit keine Missverständnisse entstehen: ich habe nichts gegen Innovation. Aber die meisten Neueinführungen sind leider nur Schein-Innovationen, bei denen man froh sein kann, wenn sie nicht schlechter sind als ihr Vorgänger. Sie werden nur gelauncht, um neue Kaufreize auszusenden oder im neuen Modell ein paar Kosten zu sparen.

Ich finde das alles sehr bedenklich. Ein sich immer schneller drehendes wahnsinniges Hamsterrad, in dem Menschenleben, Ressourcen und Umwelt verbrannt werden. Nur damit die Maschine läuft.

Noch bedenklicher finde ich die offenbar geringe Lernfähigkeit vieler Menschen. Nach mehr als 60 Jahren Konsumgesellschaft muss sich doch mal herumgesprochen haben, dass auch das schönste neue Produkt aus dem Käufer keinen neuen Menschen macht. Dass es nicht glücklich macht. Und das auch gar nicht soll. Wäre schlecht für die Maschine.

Perfekt beschrieben
hat das Frederic Beigbeder in seinem Roman „Neununddreißigneunundneunzig“. Er lässt seinen Haupthelden Octave Parango, einen Kreativen in einer großen Werbeagentur, sich folgendermaßen vorstellen:

„Ich bin der Typ, der Ihnen Scheiße verkauft. Der Sie von Sachen träumen lässt, die Sie nie haben werden. Immer blauer Himmel, nie flaue Frauen, ein perfektes Glück, Photoshop-retuschiert. Geleckte Bilder, Musik im Trend. Wenn Sie genug gespart haben, um sich den Traumwagen leisten zu können, den ich in meiner letzten Kampagne lanciert habe, ist der durch die nächste Kampagne längst überholt. Ich bin Ihnen immer drei Wellen voraus und enttäusche Sie zuverlässig. Glamour ist das Land, in dem man nie landet. Ich fixe Sie mit Neuheiten an, die den Vorzug haben, dass sie nie neu bleiben. Es gibt immer eine neue Neuheit, die die vorige alt aussehen lässt. Mein Amt ist es, Ihnen den Mund wässrig zu machen. In meinem Metier will keiner Ihr Glück, denn glückliche Menschen konsumieren nicht.“

WILLKOMMEN IM NEWISM

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3 Antworten zu F*CKING NEWISM

  1. nukimama schreibt:

    Sensationeller Artikel!
    Ich finde auch, dass der Newism (was für ein Wort…) nicht Motor für die Wirtschaft sondern im Gegenteil deren Todesstoß ist. Haben haben haben, gezahlt wird später oder auch *oooops* doch nicht…

  2. Pingback: WABI-SABI contra NEWISM | KonsumRebellion

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