WABI-SABI contra NEWISM

Ein Newsletter von trendwatching.com hat mich letzte Woche zu einem kritischen Post über NEWISM inspiriert. Fakt ist: die maßlose Gier nach Neuem hat uns schon lange im Griff.

Neu ist gut. Neu (jung, unbenutzt) ist schön. Letztlich ist das eine Grundeinstellung. Ein ästhetisches Konzept. Und zwar eines, das Konsumrausch und permanente Unzufriedenheit extrem befeuert.

Man kann das aber auch alles ganz anders sehen.

Zum Beispiel durch die „Brille“ des Wabi-Sabi. Dieses hunderte Jahre alte japanische Ästhetik-Konzept ist eng mit der Zen-Philosophie verbunden. Es zu erklären, würde den Rahmen dieses Posts bei weitem sprengen. Ganz grob umrissen, zelebriert es nicht das Perfekte, vordergründig Glanzvolle, sondern Schönheit, die sich auf den zweiten Blick offenbart. Sabi steht dabei für Alter, Reife und eine gewisse Patina. Nicht bleibt, nichts ist abgeschlossen, nichts ist perfekt.

Wabi-Sabi ist weit mehr als eine nette, exotische Idee für Japan-Fans. Angewendet auf unsere westliche Konsumgesellschaft, ist Wabi-Sabi ein perfektes Gegenmittel gegen Konsumrausch und NEWISM.

Ich versuche immer wieder, Dinge aus dem Wabi-Sabi Blickwinkel zu sehen. Wenn ich mich ärgere, dass etwas nicht perfekt ist. Zum Beispiel mein derzeit verregneter Garten. Dann sehe ich, dass er schön ist, so wie er ist und ich nicht dringend neue Blumen kaufen muss. Oder wenn ich drauf und dran bin, einen vollständig funktionstüchtigen Gegenstand durch einen neuen zu ersetzen, nur weil mich der neue gerade reizt.

Wabi-Sabi immunisiert gegen die ständigen Verlockungen des Neuen, das Perfektion und Glamour verspricht. Nicht durch erzwungenen Verzicht. Sondern, weil man mit dem Vorhandenen zufrieden ist oder ein Ding mit Geschichte dem austauschbaren Neuen vorzieht.

Nun altert nicht alles so schön wie ein japanischer Klostergarten, ein massiver Holztisch oder eine gute Ledertasche. Viele Dinge sind heute nicht dafür gemacht, lange in Gebrauch zu sein. Sie setzen keine Patina an, sondern sind nach einer Weile einfach nur schrottig.

Es muss nicht jedes kleine, bunte Sommertop für die Ewigkeit konzipiert sein. Aber größere Anschaffungen und Dinge, die ich länger nutzen will, prüfe ich vor dem Kauf auf Wabi-Sabi-Tauglichkeit. Ich frage mich: Werde ich das auch in paar Jahren noch mögen? Wird es „schön“ altern?

Wabi-Sabi ist aber nicht nur eine lohnenswerte Sichtweise, um Dinge zu betrachten. Würden wir uns und andere Menschen mehr nach Wabi-Sabi-Kriterien beurteilen, ginge es mit Botox und der Perfektionierungs-Schönheitschirurgie steil bergab. Und wir wären alle sehr viel zufriedener und gelassener. Man sollte zumindest mal drüber nachdenken – angesichts der Tatsache, dass sowieso niemand perfekt ist und wir alle den Lauf der Zeit nicht aufhalten können.

Oder wie Sting so schön singt „The search for perfection is all very well. But to look for heaven means to live here in hell.“

Das ist eine Kernbotschaft des Wabi-Sabi und des Zen: Zufriedenheit mit dem, was ist.
Damit wären alle ein Stück glücklicher – ganz ohne Konsumrausch.

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