Ihr habt es nicht in der Hand. Oder doch?

Dem amerikanischen Bestseller-Autor Tim Ferris kann man weder fehlenden Ehrgeiz noch mangelnden Erfolg vorwerfen. Umso aufschlussreicher, dass er in seinem Buch „The 4-Hour-Body“ davor warnt, zum „Dow-Jones-Man“ zu werden. Damit meint er Menschen, deren Selbstwertgefühl und Lebensglück nur an ihrem beruflichen Erfolg und der Höhe ihres Einkommens hängen. Und die damit extrem abhängig von äußeren Faktoren werden, auf die sie keinen Einfluss haben.

Und genau das ist der zweite Grund, warum das Streben nach MEHR Geld keine brauchbare Alternative zur Konsumreduktion, z.B. durch eine Shoppingdiät ist:

Ihr habt es nicht in der Hand.

Natürlich kann man sich schlauer oder dümmer anstellen. Aber letztlich hängt es nie nur von Euch selbst ab, ob Ihr Euren Job behaltet. Ob Ihr eine Gehaltserhöhung bekommt. Oder irgendwann sogar in die berühmten 1% der Oberschicht aufsteigt. Und ob Ihr dort auch bleibt.

Euer Einkommen hängt immer von Faktoren ab, die Ihr nicht in der Hand habt: von Euren Chefs, Euren Wettbewerbern, Euren Kunden und deren Auftragslage. Von der Auftragslage Eures Unternehmens. Von den McKinsey-Typen, die durch Eure Flure schleichen und die Frage aufwerfen, ob Ihr die nächste Umstrukturierungsrunde überlebt. Es hängt davon ab, wie die Banken auf der Welt wirtschaften (wie wir wissen, tun sie das nicht besonders gut), vom Dow Jones, vom DAX … bis hin zum sprichwörtlichen Sack Reis in China, dessen Umfallen inzwischen auch schon Turbulenzen auslösen könnte.

Von absehbarem Ungemach, wie es sich zum Beispiel gerade mit der Eurokrise zusammenbraut, ganz zu schweigen. Was immer da auf uns zukommt – zur Einkommenssteigerung breiter Bevölkerungsschichten trägt es ganz sicher nicht bei.

Ich will nicht schwarzmalen.

Aber grundsätzlich ist es heute leider so, dass die Chancen auf ein wirklich gutes Einkommen eher schlecht stehen. Auch wenn man gut ausgebildet, fähig und motiviert ist. Die gut bezahlten Jobs werden immer rarer und verlangen oft einen hohen persönlichen Preis.

Manchmal ist es dann Euer eigener Körper, der die Notbremse zieht, weil er die Belastungen auf der Jagd nach Geld einfach nicht mehr aushält. Gerade ein überdurchschnittlich hohes Einkommen kann sich dabei als gefährliche Falle erweisen.

Eine ehemalige Kundin wurde zum Beispiel vor einigen Monaten in eine Klinik eingeliefert. Nervenzusammenbruch wegen totaler beruflicher Überlastung und daraus resultierender privater Probleme. Inzwischen arbeitet sie wieder. In ihrem alten Job. Mit den alten Problemen, die sich wegen weiteren Personalabbaus noch verschärfen werden. Sie ist immer noch tief unglücklich. Aber sie meint, dass sie ihren Job als Vorstandsassistentin in einem großen Unternehmen nicht aufgeben kann. Weil sie einen anderen ähnlich dotierten Job nicht findet. Und selbst wenn, wäre der Stress der gleiche. Eine Lösung wäre, finanziell etwas zurück zu stecken und dafür wieder ein lebenswertes Leben zu führen. Aber sie kann ihr 100.000 EUR-Gehalt einfach nicht loslassen, weil sie den Prestigeverlust fürchtet und sich nicht vorstellen kann, auch mit weniger zu leben.

Womit wir wieder bei Tim Ferris und seinem Dow-Jones-Man wären. Tim will uns mit seinem Ratschlag ja nicht vom Geldverdienen abhalten. Es geht darum, dass es in unserem Leben auch noch andere Säulen gibt, die uns Selbstbewusstsein und Befriedigung geben. Das können – wie in seinem Buch – Sport und körperliche Fitness sein, aber natürlich auch Familie, Freunde, DIY, Kunst, Gärtnern, soziales Engagement … wichtig ist, ein Leben zu haben, das diese Bezeichnung auch verdient.

Eine Shoppingdiät kann zusätzlich helfen, die Dinge um Geld und Job etwas entspannter zu sehen. Und wenn es nur als temporäres Experiment ist. Allein die Erfahrung, dass man auch mit weniger Geld auskommen könnte und das noch nicht mal weh tut, ist Gold wert.

Deshalb ist Downscaling besser als das Rattenrennen nach MEHR Geld. Denn Eure Konsumentscheidungen – die habt Ihr wirklich in der Hand!

In diesem Sinne: Entspannt Euch und genießt das Sommer-Sonnen-Wochenende!

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10 Antworten zu Ihr habt es nicht in der Hand. Oder doch?

  1. Mia schreibt:

    Ich mag Deinen Blog und die Denkansätze sehr 🙂 Ich hoffe auch noch viele weitere genauso interessante Einträge wie diesen hier und die letzten….Du sprichst meinen momentanen Überlegungen aus dem Herzen. Weiter so, ich lese Dich supergerne!

    • konsumrebellin schreibt:

      Ganz lieben Dank. Es macht mich sehr glücklich und motiviert unglaublich, das zu lesen.

      Mir liegt das Thema auch echt am Herzen und ich finde es toll, dass ich damit nicht alleine bin.

      Liebe Grüße und ein wunderschönes Wochenende!

  2. fraudehnertsallerlei schreibt:

    Schöner Post, regt echt zum Nachdenken an. Gerade das Beispiel deiner ehemaligen Kundin geht einem ganz schön nach und das, obwohl ich solche Beispiele zur Genüge kenne. Ich wünsch dir auch ein tolles Wochenende, genieß die Sonne! Liebe Grüße!

    • konsumrebellin schreibt:

      Ja, das Thema beschäftigt mich schon sehr lange. Ich könnte fast ein buch drüber schreiben und musste den Post schon x-mal kürzen 😉

      Auch der Fall meiner Ex-Kundin hat mich lange nicht losgelassen. Ich finde es echt tragisch, dass eigentlich intelligente Leute für sich keine anderen Alternativen sehen. Das ist ja nicht der einzige Fall. Aber ich glaube, viele sind so brainwashed und programmiert, dass sie gar nicht mehr außerhalb ihrer eingefahrenen Bahnen denken können. Schade eigentlich.

      Ich wünsche Dir ebenfalls ein schönes Wochenende und einen guten Endspurt für Deine Hausarbeit.

      Liebe Grüße

      • fraudehnertsallerlei schreibt:

        Dankeschön, der Endspurt war ziemlich lang, aber ich hab´s sie endlich fertig und sie gestern Abend abgeben können! 🙂 Liebe Grüße!

  3. nukimama schreibt:

    Meine Schwester hat auch vor ein paar Monaten nach einem totalen Zusammenbruch gekündigt und versucht jetzt, beruflich kürzer zu treten, was angesichts des angewöhnten hohen Lebensstandards gar nicht leicht ist (günstigere Wohnung suchen, billigeres Auto, …) Da wurde mir wieder bewusst, dass es echt ein Glück ist, einen Job zu haben, der Spaß macht, einen ausfüllt, aber nicht auffrisst. Ich verdiene viel weniger als meine Schwester, aber immer noch gut genug, um mir auch ein bisschen was leisten zu können, ohne jeden Groschen zweimal umdrehen zu müssen. Nur, dass meine Lebensqualität deutlich höher ist…

    Wir arbeiten alle, um zu leben – nie umgekehrt. Und schon gar nicht ist es das wert, für Fetzen noch mehr zu arbeiten. Kein Kleidungsstück kann je auch nur ansatzweise solch eine Befriedigung verschaffen, wie schön verbrachte Lebenszeit mit unseren Liebsten.

    Ich vergesse nie einen Spruch, den ich mal irgendwo gelesen habe, Verfasser unbekannt:

    Noch nie hat jemand am Sterbebett gesagt „Ach, hätt‘ ich doch bloß mehr Zeit im Büro verbracht…“

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