Auch viel mehr ist nie genug.

Shoppingdiät. Lernen, mit weniger materiellem Kram auszukommen. Wissen, wie viel genug ist. Wäre das nicht alles unnötig, wenn man nur mehr Geld hätte? Dann könnte man einfach kaufen, was man will und müsste sich nicht mit lästigen Verzichts- und Genug-Überlegungen herumschlagen.

Diese Frage hatte ich letzte Woche aufgeworfen. Und ich habe sie auch schon teilweise beantwortet: Mehr Geld ist keine Lösung. Erstens, weil es unwahrscheinlich ist, dass man je viel mehr Geld bekommt. Zweitens, weil man es nicht in der Hand hat.

Aber was wäre, wenn? Wenn man richtig viel Geld hätte?

Dazu möchte ich mit einer wahren Geschichte einsteigen.

Es geht in ihr um eine Frau in gestandenem Alter, heute Ende 60. Sie war Hausfrau, Mutter und mithelfende Ehefrau in einem kleinen, aber florierenden Unternehmen. Als vor etwa 20 Jahren ihr Mann starb, hinterließ er ihr eine materiell äußerst wohlgeordnete Welt: ein profitables Unternehmen, ein hübsches Haus und weitere Immobilien in einer wohlhabenden westdeutschen Großstadt, Geldvermögen … Die Frau hatte ein gutes Verhältnis zu ihren Kindern und freute sich über ihr erstes Enkelkind.

Heute lebt sie von Hartz IV und ist hart davor, auf der Straße zu landen. Der Kontakt zu ihren Kindern ist auf ein Minimum beschränkt und dreht sich meist nur um die Forderung nach Geld.

Was ist passiert? Nun, sie hat ein locker siebenstelliges Vermögen und mehrere „kleinere“ Erbschaften im fünftstelligen Bereich einfach vershoppt. Auf hohem Niveau natürlich. Uneinsichtig. Beratungsresistent. Sie ist ein trauriges Paradebeispiel dafür, dass auch beachtliche Geldmengen dahinschmelzen wie Eis in der Sommerhitze, wenn man nie genug hat.

Jetzt meint Ihr vielleicht, so etwas passiert nicht, wenn man sein Geld wirklich selbst verdient.

OK, dann schauen wir uns mal an, was dann „das übliche Vorgehen“ ist:

Mit einem deutlich erhöhten Einkommen wird häufig eine endlose Spirale nach oben losgetreten. Das, was heute auf Eurer Wunschliste steht (und was Ihr mit einem hohen Einkommen tatsächlich locker bezahlen könntet), wird sehr schnell obsolet werden: Eure Wohnung bzw. Euer Haus, Eure Einrichtung, Eure Garderobe, Euer Auto, Eure Urlaubsziele – alles erscheint unter den neuen Umständen piefig und nicht mehr tragbar.

Das Upgrade in Eurem Einkommen zieht ein Upgrade Eures Lebensstandards nach sich. Und falls Ihr selbst dabei noch zögert, wird Euch Euer neues Umfeld den nötigen Schubs geben: die neuen Kollegen, die neuen Nachbarn, der neue Chef. Ja, auch Unternehmen haben ein Interesse daran, dass ihre Angestellten sich finanziell verausgaben. Nicht selten wird das sogar bewusst gefördert. Denn so bleiben die Human Ressources schön abhängig, artig, arbeitswillig und ans goldene Hamsterrad gefesselt. Mit der unangenehmen Nebenwirkung, dass sie kaum Zeit haben, ihre schönen neuen Errungenschaften zu genießen.

Zu allem Überfluss machen die neuen Designermöbel oder das schicke Cabrio nicht mal dauerhaft glücklicher. Der Habituationseffekt sorgt dafür, dass man sich sehr schnell an den höheren Standard gewöhnt. Was früher ein Traum wahr, wird schnell zur Selbstverständlichkeit und dann zur (vermeintlichen) Notwendigkeit. Eine Rückkehr zu dem, was früher normal war, erscheint als Abstieg. Eine Katastrophe. Deshalb geben viele Ihre gut dotierten Jobs auch dann nicht auf, wenn sie sie hassen und sich total ausgebrannt fühlen.

Das Ergebnis: Ihr findet Euch im gleichen blöden Spiel wieder wie vorher. Nur auf einem höheren Level. Mit höheren Lebenshaltungskosten, höheren Verbindlichkeiten, höheren Ansprüchen. Das Geld reicht trotzdem nicht, um mitzuhalten. Es gibt immer jemanden, der mehr hat, mehr verdient und neue, höhere Maßstäbe setzt.

Reich ist, wer weiß, dass er genug hat. (Lao Tse)

Damit wären wir wieder beim Thema Shoppingdiät. Ich halte es für absolut sinnvoll, möglichst schnell zu lernen, dass man auch mit weniger auskommen und dabei glücklich sein kann. Das erleichtert das Leben mit einem durchschnittlichen Einkommen. Es erhöht die Resilienz im Falle persönlicher oder wirtschaftlicher Krisen.

Und falls Ihr wirklich mal zu viel mehr Geld kommt: Dann stehen die Chancen gut, dass Ihr damit etwas Sinnvolles anfangt. Und nicht in eine Aufwärtsspirale des Konsums geratet. Die dann vielleicht wieder ganz unten endet.

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4 Antworten zu Auch viel mehr ist nie genug.

  1. fraudehnertsallerlei schreibt:

    Selbst in der „Joy“ stand diesen Monat, dass viel Geld und große Anschaffungen meist ganz und gar nicht glücklich machen! 😉 Danke für diesen schönen Blogpost! 🙂

  2. Saskia schreibt:

    Wie recht zu hast. Es ist wirklich so, ich beobachte das an vielen Menschen in meinem Bekanntenkreis. Da kommt ein neuer Job und schon passt man sich gewissermaßen an den „Standart“ an. Da wird als Arzt prlötzlich nur noch teuer eingekauft, weil man es kann, oder weil es die Kollegen so machen. Aber ich glaube auch, dass niemand davon frei ist. Sich solche Mechanismen bewusst zu machen, ist aber ein guter Anfang.

    • konsumrebellin schreibt:

      Um das Bewusstwerden bzw. Bewusstmachen geht es mir ja auch in diesem Blog. Es ist schwer genug, sich diesen Mechanismen zu entziehen, wenn sie einem bewusst sind. Aber sonst hat man gar keine Chance.

      Nur so kann man frei entscheiden, ob und wie viel mehr es denn sein soll. Wobei, so ganz frei ist man da auch nicht. Man wird in seiner Umgebung nicht immer auf Gegenliebe stoßen, wenn man das Spiel nicht mitspielt. Da kann sehr schnell viel Mut erforderlich sein.

      Wir Menschen wollen nun mal geliebt und akzeptiert werden. Es fragt sich nur, ob man wirklich von jedem akzeptiert werden muss. Und welchen Preis man dafür zahlen will.

  3. Pingback: Shoppingdiät Update #5: Erbsenzählerei | KonsumRebellion

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