Zeitreise.

Ein einfaches Leben. Naturnah. Im Rhythmus der Jahreszeiten. Ausschließlich lokale Biokost essen. Eingebettet sein in familiäre Strukturen und eine örtliche Gemeinschaft. Die Nachbarn kennen und mit ihnen reden. Kein Konsumwahn. Kein Medienrauschen. Kein Karrierestress.

Oder laute, stinkende Autos. Blankpolierte, spießige Werbewelten. Konsum als Lebensmittelpunkt. Karriere als Pflicht. Adrette, blitzsaubere Hausfrauen als weibliches Leitbild. Keeping up with the Joneses. Buntes Plastik überall. Fast Food. Überzuckerte Getränke mit chemischen Aromen.

Was wäre Euch lieber, wenn Euch eine Fee vor die Wahl zwischen beiden Welten stellen würde?

Achtung, entscheidet Euch nicht voreilig! Ich war mir nach einer seltsamen Zeitreise da auch alles andere als sicher. Und das hat mich ein wenig verstört.

Aber jetzt genug der geheimnisvollen Einleitungen. So mysteriös war es nämlich nicht. Es war vor allem glühend heiß in Aachen. Dort hatten wir übernachtet, weil wir am Samstag zu einem delikaten Abendessen in einem Restaurant in Belgien eingeladen waren. Nun stellte sich die Frage: Was tun in der Sonntagshitze? Weiterfahren an die Nordsee, die eindeutig beste Option, fiel leider aus. Wir Dussel hatten keine Badesachen dabei.

Also beschlossen wir, über die Eifel zurück nach Hause zu fahren. In der Hoffnung, dass in der Höh’ die Hitze etwas erträglicher wäre. Aber nur Autofahren ist deppert, also besuchten wir das Freilichtmuseum im Kommern.

Dort sind in einem weitläufigen Waldgebiet mehrere historische Dörfchen aus verschiedenen Gegenden des Rheinlands aufgebaut. Jedes Dorf besteht aus originalen, meist hunderte Jahre alten Häuschen, die man an ihrem ursprünglichen Standort ab- und in Kommern wieder aufgebaut hat.

Ich bin dem Landleben gegenüber eigentlich positiv eingestellt. Sollte ich jemals zu Geld kommen, wäre ein schönes renoviertes Bauernhaus mit einem riesigen Garten voller Blumen, Bäume, Obst und Gemüse eine reizvolle Option. Der Tag war perfekt, um das Landleben von seiner blumigsten Seite zu zeigen: Sommer, Sonne, strahlend blauer Himmel, blühende Bauerngärten …

Aber es kam irgendwie anders als erwartet.

Von außen war alles wunderhübsch und romantisch. Liebevoll restaurierte Bauernhäuschen, Scheunen, Ställe, alte Schulgebäude, Backstuben.

Aber je mehr ich von den Innenräumen sah, desto mehr kippte meine Stimmung. Oder besser gesagt: Es zog mich runter. Es war so düster, obwohl draußen die Sonne schien. Beengt. Unglaublich ärmlich. Nein, ich hatte nicht erwartet, dass alles wie eine schnuckelige Homestory aus der LandLust aussieht. So abwegige Illusionen über das Landleben früherer Zeiten habe ich nicht. Aber es ist immer etwas anderes zu lesen oder etwas hautnah zu erleben. Selber in den Räumen stehen, die die Frage nach Besitztümern gar nicht erst aufkommen ließen. Es wäre schon schlicht kein Platz dafür gewesen.

Und auch die Fotos der ehemaligen Bewohner aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert zeigten keine lebensfrohen Menschen, sondern ernste, abgearbeitete und abgestumpft wirkende Wesen. Vielleicht waren sie ja etwas kamerascheu und trauten sich nicht zu lachen. Aber ihre abgehärmten Gesichter und ich ganzer Habitus allein sprachen schon Bände. Besonders beeindruckt hat mich ein Haus aus der Hocheifel, in dem noch 1958 zwei Generationen unter einem Dach lebten. Wahnsinn. 1958. Das war historisch gesehen gerade gestern.

Mir wurde wieder einmal klar, in welchem Wohlstand wir leben. Dass dieser Wohlstand in unfassbar kurzer Zeit geradezu explodiert ist. Und dass ich Wohlstand eindeutig besser finde als die frühere Armut – trotz aller Naturnähe, Nachhaltigkeit und Gemeinschaft.

Auwei, Frau Konsumrebellin. Was ist jetzt mit dem tollen einfachen Leben? Das hier war doch der gelobte Minimalismus in seiner Reinform. Und noch dazu im Grünen. Alles doch nicht so klasse?

Aber es sollte noch verwirrender werden.

Weil dieser Post aber schon jetzt eigentlich zu lang ist, geht es mit meiner Zeitreise morgen weiter.

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10 Antworten zu Zeitreise.

  1. juneautumn schreibt:

    Naja, ich denke, da kann man heutzutage schon einen Kompromiss finden. Mich reizt das Haus mit dem großen Garten, in dem Obstbäume und selbstgezogenes Gemüse wachsen, auch sehr. Da heute aber nun mal heute ist, würde ich schon eine „normale“ Inneneinrichtung haben wollen, ebenso wie Telefon- und Internetanschluss. Ich denke nicht, dass es schlimm ist, hier zu „konsumieren“. Wenn man sein eigenes Gemüse in der modernen Küche putzt, oder sein Dusch- oder Toilettenwasser aus der großen Regentonne hinterm Haus bezieht. Muss ja nicht entweder oder sein.
    Liebe Grüße,
    June

  2. Nessy schreibt:

    Ich glaube irgendwo kann man so auch Urlaub machen. Und nach einem stressigen Großstadtleben so als Urlaub… könnt ich mir schon vorstellen.

    • konsumrebellin schreibt:

      Gar keine schlechte Idee so ein Urlaub … das Ganze mal ausprobieren, wenn man im „wahren Leben“ noch andere Optionen hat, ist sicher nicht nur erholsam, sondern sehr interessant. Werde ich mal googeln.

      Liebe Grüße

      • Nessy schreibt:

        Mir ist wieder eingefallen, dass ich das bei irgendeiner Fernsehsendung als Vorschau gesehen habe, dass es beim nächsten Mal um solche Urlaube geht. Leider versagt meine Erinnerung in dem Fall, wo genau das war oder wann das jetzt diese Woche kommen könnte.*sfz*

      • Nessy schreibt:

        So gefunden: SO 26.08. um 17Uhr im Ersten. Bei W wie Wissen 🙂

  3. fraudehnertsallerlei schreibt:

    Da bin ich ja jetzt mal auf die Fortsetzung gespannt… 🙂

  4. Pingback: Askese oder Thunderbird? | KonsumRebellion

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