Askese oder Thunderbird?

Wie gestern berichtet, war ich nach der Besichtigung der Bauernhäuschen konsterniert. Ich glaube, es war nicht mal primär das Materielle. Am meisten bedrückten mich die fehlenden Wahlmöglichkeiten der Menschen. Ihr Leben war so vorherbestimmt. Endlose Plackerei und Existenzkampf. Veränderung nicht vorgesehen. Und kaum möglich.

Keine Hoffnung auf ein besseres Leben weit und breit. Oder vielleicht doch?

Was war das da, hinter dem nächsten Gartenzaun? Eine ganze Reihe lustiger knallbunter Isettas! Gefolgt von winzigen Goggomobilen, in denen ganze Wirtschaftswunder-Familien tapfer die Alpen in Richtung Bella Italia überwunden haben. Gegenüber hatte sich unter hohen Bäumen eine VW-Käfer-Kolonie ein lauschiges Plätzchen gesucht. Damen in Petticoats und Herren mit Stirntolle und Buddy Holly Hornbrille flanierten herum. In der Nähe machte eine Rock’n Roll Band ihren Soundcheck.

Nein. Ich hatte keinen Hitzschlag mit Wahnvorstellungen erlitten. Es war nur die Veranstaltung „Zeitblende – 50 Jahre“, die uns diesen abrupten Sprung in die Wirtschaftswunderzeit beschert hatte. Aber meinem Bauch gefiel es. Die ganze Szenerie versprühte die Aufbruchstimmung und den unglaublichen Optimismus jener Zeit.

Roter Thunderbird vor Dorfkulisse – Kontraste bei der Oldtimerparade in Kommern

Am Waldrand ging es noch bodenständig zu. Schnuckelige alte VW-Busse mit originaler Campingausstattung. Eine Ente mit einem winzigen tropfenförmigen Anhängsel. Und ein kleiner Junge, der uns unbedingt davon überzeugen wollte, dass sein baumlanger Papa in dieses „Wohnwägelchen“ hinein passte.

Mitten auf der Wiese in der prallen Sonne wurde es dann mondän: Eine wunderschöne knallrote Corvette. Zwei ebenfalls knallrote Thunderbird-Cabrios mit Heckleuchten wie Raketentriebwerke und Tonnen von Chrom. Ein locker sechs Meter langes Cadillac Cabriolet – Automobil gewordener Wahnsinn einer Zeit, in der alles möglich erschien. Ein umwerfend elegantes Flügel-Mercedes-Cabrio … Ah ja. Das gefiel mir.

Dann blitzte ein Gedanke auf: Hier stimmte doch was nicht!

Ein einfaches Leben macht glücklicher als materieller Überfluss? Wie konnte es dann sein, dass ich in schlichten Häusern Depressionen bekam, aber angesichts der Relikte einer Zeit der maßlosen Anbetung materiellen Wohlstands  aufblühte? Mein Bauchgefühl hatte sehr deutlich gemacht, wo ich mich wohler fühlte. War ich eher eine Luxusbiene als Konsumrebellin? Oder waren meine Grundannahmen falsch?

Nein. Alles war richtig.

Bei KonsumRebellion geht es nicht um Reduktion um der Reduktion willen. Es geht um Lebensqualität. Und der Schritt, den ich mit meiner kleinen Zeitreise von der Bauernhütte ins Wirtschaftswunder gemacht hatte, bedeutete tatsächlich mehr Lebensqualität. Es war eine besondere Erfahrung, bei der ich ein wenig emotional nachvollziehen konnte, was die Leute damals empfunden haben. Warum sie ihr Glück im materiellen Wohlstand suchten. Warum die Geschichte der Konsumgesellschaft so ihren Lauf genommen hat.

Wir Wohlstandskinder haben kein Recht, uns über die Exzesse der Fünfziger und Sechziger aufzuregen. Auch wenn dabei wertvolle Dinge über Bord gegangen sind. Diese Leute hatten wirklich etwas aufzuholen. Woher sollten sie wissen, dass immer noch mehr irgendwann nicht glücklicher macht? Wo es doch bis heute die meisten nicht kapiert haben.

Und noch etwas:

Ein einfaches Leben heute bedeutet natürlich nicht das Gleiche wie ein einfaches Leben damals. Es geht nicht um die Entscheidung zwischen Askese und Thunderbird. Es geht um Fortschritt, nicht um Rückschritt. Muss mir in der Hitze irgendwie entfallen sein.

Für die Kühe sind die Prioritäten klar: Saftiges Gras ist das wichtigste.

PS:
Zur Ehrenrettung der alten Häuschen muss ich doch noch etwas loswerden. Die  Museumsstücke erzählen natürlich nur die halbe Geschichte. Es fehlen die Menschen, die hier sicher gelitten, aber auch geliebt und gelacht haben. Vielleicht waren sie gar nicht so unglücklich? Mir ist eine Aussage der Kinder im Gedächtnis geblieben, die bis 1958 in dem Eifelhaus gelebt haben, das dann nach Kommern gespendet wurde: Ja, es sei schon eng gewesen. Viel Geld hätten sie auch nicht gehabt. Aber trotzdem eine glückliche Kindheit voller Freiheiten.

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5 Antworten zu Askese oder Thunderbird?

  1. fraudehnertsallerlei schreibt:

    Ziemlich bewegend, was du in beiden Posts so wiedergegeben hast. Ich kan mir vorstellen, dass durch den Kontrast, den sie einander geboten haben, die Einfachheit des Hauses sehr trist und die Protzigkeit des Thunderbirds umso protziger gewirkt haben muss.
    Ich glaube, der Unterschied liegt einfach darin, ob man dieses einfache Leben selbst wählt, weil man alle Annehmlichkeiten hat, sich davon aber nicht bestimmen lassen möchte, oder ob man in diese Einfachkeit gezwungen wird, weil es gar nicht anders geht. Aber gleichzeitig glaub ich, dass man durchaus von diesen Menschen aus diesem Haus etwas lernen kann, wenn man denn will: Sie haben ihr Leben trotz der ganzen Entbehrungen und trotz des Kampfes am Existenzminimum weitaus mehr genossen als es vielen Menschen heutzutage so möglich ist…

    • konsumrebellin schreibt:

      Ja, dieser Besuch war eine unerwartete Berg- und Talfahrt der Gefühle. Vor allem, wenn man sich gerade ziemlich viele Gedanken über ein einfacheres Leben macht. Dann steht man plötzlich den Zeugen eines wirklich sehr einfachen Lebens sehr viel weniger distanziert gegenüber.

      Aber Du hast recht, ausschlaggebend ist die Freiwilligkeit. Und nicht weniger wichtig sind die Ziele, die man dabei anstrebt. Nur Downgraden, weil es gerade angesagt ist, wird nicht funktionieren. Das Streben nach mehr ist genetisch in uns verankert. Man muss „Mehr“ einfach anders definieren. Dann wird man unter Umständen mit weniger Besitz trotzdem viel reicher.

      Gibt einem zum Beispiel die Natur sehr viel, kann man dafür auf eine Menge Krimskrams verzichten. Müsste ich materiell arm sein, wäre ich es lieber auf dem Land oder in den Bergen als in Stadt. Aber es ist nicht jedem gegeben, die Schönheit der Rose zu sehen …

      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende!

  2. nukimama schreibt:

    Zwei einfach sensationelle Beiträge, nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch brillant!
    Jedesmal auf’s Neue eine Freude, Deine Posts zu lesen!
    Liebe Grüße

  3. Pingback: Shoppingdiät Update #5: Erbsenzählerei | KonsumRebellion

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