Weihnachtsschulden.

Herr, wirf Hirn vom Himmel!

Das war mein erster spontaner Gedanke, als ich letzte Woche im Fokus las, dass sich laut einer Studie in diesem Jahr wieder 3,4 Millionen Deutsche verschulden werden. Nur, um Weihnachtsgeschenke zu kaufen.

Das ist doch komplett irre. Und ich lasse mich hier noch nicht mal ausführlich über den Schwachsinn aus, der mit dem Geld vermutlich gekauft wird. Technische Gadgets, die in drei Monaten schon überholt oder kaputt sind. Verblödende Videospiele. 3D-Fernseher. Giftiger rosa Plastikkram für kleine Möchtegern-Prinzessinnen. Klamotten mit baldigem Verfallsdatum. OK, ich höre ja schon auf.

Aber ich frage mich, wie sich die Leute bei der Bescherung wohl fühlen. So mit dem fiesen Stimmchen im Hinterkopf, das die Geschenke erst noch bezahlt werden müssen. Oder sind das alles Verdrängungs-Weltmeister?

Ich würde jedenfalls bei finanziellen Engpässen einfach weniger und kleinere Geschenke kaufen. Oder versuchen, vieles selbst zu machen. Eben das, was man sich leisten kann.

Dabei stand im Artikel gar nicht explizit, dass die Weihnachtsschulden nur arme Leute betreffen. Wahrscheinlich ist auch ein guter Teil Menschen dabei, der gar nicht arm ist. Menschen, die süchtig nach Statussymbolen sind. Die um jeden Preis mithalten oder ihr soziales Umfeld übertreffen wollen. Oder glauben, dass jeder Wunsch verzogener Gören oder verwöhnter Gattinnen erfüllt werden muss.

So oder so. Bekloppt sind die alle. Dachte ich mir im ersten Moment.

Zufälligerweise habe ich zur gleichen Zeit das Buch „Der Weihnachtspullover“ gelesen. Danach habe ich das ein bisschen anders gesehen. Ich bin immer noch absolut dagegen, sich für Weihnachtsgeschenke zu verschulden. Aber ich habe etwas mehr Verständnis, warum Leute das tun. Und mir wurde klar, dass meine Pauschalverurteilung etwas klugscheißerisch ist.

Erstens war ich noch nie in der Situation, meine Weihnachtsgeschenke nicht bezahlen zu können. Nicht mal während des Studiums. Zweitens lebe ich in einem Umfeld, in dem materieller Vergleich und Angeberei mit Statussymbolen erfreulich wenig ausgeprägt sind. Und Kinder habe ich auch nicht. Drittens ziehe ich mir seit Jahren konsumkritische Blogs, Bücher und Zeitungsartikel rein. Und trotzdem bin ich, wie Ihr wisst, nicht frei von Sünde und erliege gern mal konsumtechnischen Verlockungen.

Was soll man also von Leuten erwarten, denen von der Konsumgesellschaft das Hirn so porentief rein gewaschen wurde, dass sie den ganzen Wahnsinn noch nicht einmal anzweifeln? Sondern höchstens sich selber kritisieren, wenn sie nicht genug Geld zum Mitmachen bei der weihnachtlichen Konsumschlacht haben. Und wissentlich oder unwissentlich Druck auf andere ausüben, die sich dann auch nicht trauen, nicht mitzumachen. Aus Angst vor Ausgrenzung. Oder Liebesentzug.

Und mit dem Buch vom Weihnachtspullover wurde mir noch etwas klar:

Es gibt sicher Leute, die zu Weihnachten wirklich in der Klemme stecken. So wie Eddies Mutter. Sie hat für ihre vernünftige Entscheidung, kein Fahrrad, sondern einen selbstgestrickten Pullover zu schenken, einen hohen Preis bezahlt. Dabei spielte die ganze Geschichte in einem ländlichen Gebiet der USA in den Siebzigern – eine echte Sonntagsschule gegen den Konsumdruck, den wir jetzt haben.

Welche Wahl hat zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter heute, wenn sich ihr Kind irgendwas sehnlich wünscht, was die Mutter nicht bezahlen kann? Weil alle es haben und man total uncool ist, wenn man es nicht hat? Von sich aus würde die Mutter das Geld nicht ausgeben. Aber wie es aussieht, hat sie die Wahl zwischen Verlieren und Verlieren: entweder sich verschulden oder das Kind zu Weihnachten enttäuschen. Es gehört eine Menge Rückgrat dazu, sich nicht vom Sirenengesang „Buy now, pay later“ zur vermeintlich einfachen Lösung verführen zu lassen. Das kann einem schon ein wenig leid tun. Denn beliebt macht sich Mama mit ihrer eigentlich richtigen Entscheidung ganz sicher nicht.

Wie aber kann man das Problem lösen?

Mit mehr Geld sicher nicht – außer vielleicht in ganz harten Fällen. Aus meiner Sicht gibt es keine Lösung von außen. Die Lösung beginnt im eigenen Kopf.

Der bessere Weg ist es, seine Sicht auf die Dinge zu ändern. In Weihnachten (wieder) etwas anderes zu sehen als eine reine Konsumschlacht. Lernen, dass man nicht alles haben muss, um glücklich zu sein (ähem, da gibt es zum Beispiel ein paar nette Blogs ;-)). Das auch seinen Kindern mitgeben (wie auch immer das geht). Selbst entscheiden, was einem wichtig ist. Und wie viel man ausgeben kann und will. Wieder etwas bescheidener werden. Sich auch über liebevoll ausgesuchte oder selbstgemachte Kleinigkeiten freuen – oder solche selbst schenken. Dann besteht keine Notwendigkeit, sich oder andere in Schulden zu stürzen.

Was Weihnachten sicher gut tut – und dem neuen Jahr erst recht.

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3 Antworten zu Weihnachtsschulden.

  1. kommentar schreibt:

    Vielen Dank fuer deinen Post. Unser Pastor sagte auch letzte Woche, dass Schenken zwar toll ist aber man auch an die Rechnungen im Januar denken soll … Hier verschulden sich sicher auch nicht Wenige!
    Zu meinem Kind in die Schule kommt extra ein Shop, wo die Kinder einkaufen koennen, zu den Eltern ein Umschlag mit Spalten fuer Eltern, Tanten, Geschwister und dem Feld fuer den entsprechenden Betrag, den das Kind ausgeben darf. Auch fuer das Kind selbst gibt es eine Spalte. Ich habe meinem Kind 11 $ mitgegeben fuer Dad, Mama und es selbst. Er hat uns 5 $ wieder mitgebracht ;-).
    Ich weiss nicht, ob ich das naechstes Jahr wieder mache (erst mal sehen, was es uns gekauft hat „-) …) oder ob ich ihm einfach sage, dass ich etwas Selbstgebasteltes viel schoener finde. Mich aergert daran, dass Kinder und damit Eltern da einer Art von Konsumdruck ausgesetzt sind, die ich eigentlich ziemlich mies finde. Das Kind bettelt, weil die Anderen ja auch alle ….
    Raus faellt nur dann die Mutter, die nichts hat und den Pulli strickt … (das Buch moechte ich auch mal lesen).
    Ich kenne allerdings auch eine Familie, die nach einer berufl. Umorientierung sehr wenig Geld hatte und fuer die Kinder waren die Wuensche dann auch nicht erfuellbar. Diese haben aber jetzt, da sie erwachsen sind einen sehr guten Umgang mit den Ressourcen. Es war hart, hat ihnen aber nicht geschadet. Oh, ist etwas lang geworden und etwas wirr, sorry.

    • konsumrebellin schreibt:

      Vielen Dank für Deinen Kommentar und sorry für die späte Antwort (habe am Wochenende keine Zeit für den Computer gehabt – Vorweihnachtssress ;-)). Ich finde es auch eine Unverschämtheit, dass in eurer Schule die Kinder schon fast zum Geschenke-Kaufen genötigt werden. Kann man als Eltern nichts dagegen unternehmen?. Ein paar Geschenke-Bastelstunden in der Schule wären sicher die bessere Alternative. Zumindest scheint dein Kind ja Ehrfurcht vorm Geldausgeben zu haben, wenn es fast die Hälfte des Budgets wieder mitgebracht hat. Wenn man den Shop schon nicht verhindern kann, ist nichts oder wenig kaufen eine sehr gute Antwort 🙂

  2. daniel schreibt:

    Ein sehr schöner Artikel!
    Ich habe vor einigen Jahren durchsetzen können, dass wir uns nur noch etwas für maximal 10 Euro schenken. Ich bin seit Jahren kein Freund vom großen Schenken mehr, seit ich mitbekommen habe, was bei anderen Familien denn so an Werte unterm Baum liegen. Bei Kindern mag es, wenn es nicht übertrieben wird, noch etwas anderes sein (wenn man sich dafür nicht verschuldet), aber unter Erwachsenen finde ich es lächerlich.
    Und eingepackt wird das ganze von mir übrigens in Zeitungspapier. Erst meint man, dass das ja gar nicht gehen würde, aber man kann so schöne und lustige Sachen damit machen!

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