Das perfekte Leben.

Ich bin gut ins neue Jahr gerutscht und habe trotz toller Silvesterparty keine Rollmöpse gebraucht. Werde ich alt oder nur ein bisschen vernünftiger?

Jetzt sind die schönen freien Tage vorbei und ich sitze wieder im morgendlichen Zug nach Köln. Draußen ist es noch dunkel. Ich könnte ganz gut noch ein paar Stunden schlafen. Also das ideale Szenario, um ein wenig mit dem Schicksal zu hadern. Zum Beispiel damit, dass ich nicht reich genug bin, um einfach zuhause zu bleiben. Immer auszuschlafen. Und dann zu treiben, was mir Spaß macht. Das perfekte Leben eben. Ich könnte mir also durchaus ein bisschen leidtun. Weil ich zu den werktätigen Massen zähle und dies ein perfektes Leben unmöglich macht.

Wenn da nicht gestern Abend dieses Telefonat gewesen wäre.

Das lange Telefonat mit einer Frau, die ich sehr gern mag und die mir ziemlich nahe steht. Sie ist Ende Vierzig. Mutter von vier Kindern. Verheiratet mit einem sehr erfolgreichen Hightech-Unternehmer. Frei von jeglichen finanziellen Sorgen und Zwängen.

Und sie sagt, dass sie mich um mein schönes Leben beneidet.

Wie bitte? Das musste ich erst einmal verdauen. Vor allem angesichts der Tatsache, dass heute Urlaubsende ist und ich wieder im Job antreten muss.

Aber warum beneidet sie mich?

Liebt sie ihre Kinder nicht? Weiß sie den Luxus ihrer Situation nicht zu schätzen? Keines von beidem trifft zu. Sie liebt ihre Kinder. Sie weiß wohl, dass es ihr materiell außergewöhnlich gut geht. Aber sie denkt trotzdem zum Beispiel darüber nach, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie sich nach dem Studium statt für Kinder für eine Karriere entschieden hätte. Und ob es vielleicht ein besseres Leben wäre.

Und sie denkt darüber nach, was sie macht, wenn der Jüngste sie in ein paar Jahren nicht mehr braucht. Die Suche nach einer neuen Aufgabe, die sie ausfüllt und die ihr Anerkennung bringt, treibt sie um. Dass ihr viele Möglichkeiten offen stehen und sie nicht unbedingt Geld verdienen muss, macht die Sache nur scheinbar leichter. Hört sich nach Luxusproblem an, oder? Nach der Situation, die wir uns alle wünschen: frei von Verdienstzwängen das machen können, was man will. Nach dem perfekten Leben. Trotzdem kann ich sie verstehen.

Und auch angesichts der Tatsache, dass sich – wie sie berichtet – viele andere Frauen in ihrem Umfeld mit ähnlichen Problemen herumschlagen, dämmern mir ein paar Erkenntnisse:

Ja, ich habe ein schönes Leben. Auch wenn ich um 6.40 Uhr klingelnde Wecker prinzipiell nicht mag.

Nein, es bringt nichts, sich das Leben anderer Leute zu wünschen. Jedes Leben hat sein Licht und seine Schatten.

Möglichweise ist es gar nicht so übel, dass ich jetzt ins Büro fahre. Möglicherweise gibt es DAS perfekte Leben nicht. Möglicherweise ist deshalb jedes Leben irgendwie perfekt – solange man sein eigenes Leben lebt und das Beste draus macht.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Konsum-Rebellisches veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Das perfekte Leben.

  1. fraudehnertsallerlei schreibt:

    Was für ein schöner Blogpost! 🙂 Ich stelle immer wieder fest: Es ist eine Kunst, ein schönes Leben zu führen. Wenn einem das eigene Leben nicht passt, muss man etwas ändern oder einfach lernen, die Dinge in seinem Leben zu schätzen zu wissen und zu genießen. Aber niemals, niemals darf man sich der Frustration hingeben und einfach resignieren!

    Deiner Freundin wünsche ich alles Gute. Sag ihr doch bei Gelegenheit mal, dass der ihr bevorstehende Umbruch die beste Chance für etwas ganz Wundervolles sein kann! 🙂

    • konsumrebellin schreibt:

      Danke, danke … und meiner Freundin ist die Chance schon bewusst. Sie weiß bloß (noch) nicht, in welche Richtung sie laufen soll und denkt außerdem gerade zu viel darüber nach, wie es hätte kommen können, wenn … 😉

  2. nukimama schreibt:

    Was für ein wunderschöner Text – wieder mal…
    Ich hab auch eine gute Freundin, die es sich leisten kann, zu Hause in einem großen Haus zu sein bei zwei Kindern im Teenageralter plus Hund. Und die ist auch nicht wirklich glücklich.
    Ich glaube, dass das auch daher kommt, weil jeder Mensch Motivation braucht, auch von außen. Eine Bestätigung, etwas, was einen ausfüllt, fordert und fördert, etwas eigenes, damit man auch manchmal einen anderen Wind um die Nase hat. Und wenn man zwar abgesichert genug ist, zu Hause sein zu können, aber nicht dermaßen im Geld schwimmt, dass man einem Haufen anspruchsvoller Hobbies nachgehen kann, fehlt das. Da braucht man schon sehr viel Selbstdisziplin, neben der Hausarbeit einen Ausgleich für die Eigenmotivation zu pflegen und einen Partner und Kinder, die sich nicht bequem über Mama’s Rundumanwesenheit zurücklehnen. Bei meiner Freundin greifen die alle NICHTS an. Wenn man drei Leuten auf 300 m2 dauernd hintennach räumen muss, bleibt keine Zeit mehr für ein Studium, Nähen, Malen, Golf spielen oder sonstwas. Also kann sie am Abend nur erzählen, dass sie brav gekocht hat, das Haus geputzt und dass der Hund ein neues Kommando kann. Das Eingesperrtsein in diesem Mikrokosmos führt beiihr auch immer mehr zu dieser „Schrebergartenmentalität“, wo Kleinigkeiten plötzlich extrem überbewertet werden. Im Grunde lebt sie für die Familie und hat auch Angst, was passiert, wenn die Kinder aus dem Haus sind oder wenn die Ehe schief geht oder er plötzlich nicht mehr so gut verdient. Das sind Existenzängste.

    Ich spinne auch manchmal vor mich hin, „was wäre wenn“… aber dann komme ich zur selben Meinung: das perfekte Leben ist immer das eigene. Und damit bin ich eigentlich sehr zufrieden. Ich habe alles, was ich will oder besser gesagt: was mir wirklich wichtig ist. Wir haben einander, wir haben ein schönes Haus, wir leben in stabilen Verhältnissen und sind gesund. Ich stehe finanziell auf eigenen Beinen und muss nicht wegen jedem Friseurbesuch meinen Mann um Geld bitten. Im Vergleich zu diesen wichtigen Dingen muss ich über das heute innigst gewünschte Stündchen mehr Schlaf schmunzeln 🙂

    • konsumrebellin schreibt:

      Ja, der Hauptgrund für den Frust meiner Freundin liegt ganz ähnlich wie bei deiner: null Wertschätzung für die ganze Haus- und Küchenarbeit und null Mithilfe. Wozu ist Mama sonst da? Papa ist der große Held – auch im Umfeld – und die Ehefrau, na ja, ist halt die Ehefrau. Das würde an mir auch mächtig nagen.

      Da bin ich dann doch sehr froh über mein eigenes Leben 🙂

  3. florifera schreibt:

    Zum Thema „Früh aufstehen“: Zwar würde ich auch gerne jeden Tag ausschlafen bis das Bett mich raushaut (was ich glücklicherweise momentan auch wahrscheinlich öfter als der Durchschnittsbürger tun darf), aber für mich hat frühes Aufstehen einen entscheidenden Pluspunkt: man sieht den Sonnenaufgang! 🙂 Und dieses Naturschauspiel finde ich eines der tollsten überhaupt. Dann noch diese morgendliche Frische draußen, mhmm. Wie gerne wäre ich ein richtiger Morgenmensch 😉
    Und trotzdem liebe ich das Schlafen 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s