Der Konsument konsumiert nicht.

Ich geb’s gleich zu:

Die Headline ist beim gleichnamigen Kapitel aus Harald Welzers Buch „Selbst denken“ geklaut. Warum? Weil mich dieses Kapitel nachhaltig beschäftigt hat. Und weil da etwas drin steckt, was beim weniger Kaufen hilft.

Wir kaufen nicht nur zu viel.

Wir benutzen vieles von dem, was wir gekauft haben, gar nicht oder viel zu selten. Am augenfälligsten wird das bei Nahrungsmitteln, von denen perverse 30 bis 40% im Müll laden. Weil zu viel gekauft wurde. Oder weil man es einfach nicht geschafft hat, den mit besten Vorsätzen gekauften Bio-Salat zuzubereiten, bevor er schlapp und welk wird.

Auch bei Kleidung dürfte dieses Dilemma zumindest meinen Leserinnen leidlich bekannt sein: Schränke voller Klamotten, von denen man viele nie oder selten trägt. Nicht unbedingt, weil es alles Fehlkäufe sind. Da man in der Regel nur ein Outfit pro Tag tragen kann, schafft man es schlicht nicht, alles häufig genug zu tragen. Die morgendliche Hektik, Routine und die schnell wechselnde Mode verstärken das noch. Seitdem ich die Nutzung meiner Kleidung tracke, kann ich das sogar an konkreten Zahlen ablesen (was mir bei meiner Shoppingdiät übrigens sehr den Rücken gestärkt hat).

Aber das Phänomen des nicht konsumierenden Konsumenten erstreckt sich noch viel weiter: Gar nicht, nur teilweise gelesene oder hastig verschlungene Bücher. Im Keller verstaubende Fitnessgeräte. Unregelmäßig genutzte Fitness-Studio-Abos, die bestenfalls für schlechtes Gewissen, aber nicht für einen knackigen Po sorgen. Kochbücher, aus denen noch nie ein Rezept nachgekocht wurde und so weiter … Wir investieren unglaublich viel Zeit und Energie, um Geld zu verdienen, das wir dann für Dinge ausgeben, die wir gar nicht nutzen. Der Konsument wird zum schlichten Käufer, der Zeug nur zwischenlagert und dann entsorgt. Oder der Zugriffsrechte erwirbt und dann nicht zugreift. Ist das nicht irre?

Aber warum tun wir das? Alles reine Habgier?

Welzer hat eine andere These, die ich komplett unterschreiben kann: Uns reizen die neuen Optionen, die sich dabei auftun: Zum Beispiel das Versprechen, dank Fitnessstudio schlank und schön zu werden. Oder die Möglichkeiten, die eine neue Kamera bietet. Oder Gesundheit und Energie, die wir aus dem neuesten Ernährungsratgeber ziehen werden. Oder die möglicherweise irgendwann mal (oder auch nie) entstehenden tollen Gerichte, zu denen uns ein Kochbuch inspirieren könnte. Wenn wir genug Zeit hätten.

Ja, es ist meist nicht böser Wille, dass die Dinge nicht genutzt werden. Wir haben schlicht nicht die Zeit. Und es kommt schon wieder das nächste Angebot mit neuen faszinierenden Optionen.

Also ist totale Shoppingdiät die Lösung?

Nein, das glaube ich nicht. Aber es wäre gut, sich dieses Phänomen immer wieder bewusst zu machen. Und sich lieber dreimal zu überlegen, ob man überhaupt die Zeit hat, etwas wirklich intensiv zu nutzen. Oder den Salat in den nächsten beiden Tagen aufzuessen. Und immer mal wieder an all die anderen verlockenden Sachen zu denken, die man schon gekauft hat und mit denen mal sich eigentlich auch schon immer mal intensiver befassen wollte. Eigentlich. Nur, dass das bisher nix geworden ist.

Das ist in meinen Augen übrigens eine viel bessere Frage als das übliche „Brauche ich das wirklich?“ Brauchen wird sehr relativ, wenn man etwas gerade unbedingt haben will.

Außerdem lenkt die Frage „Habe ich überhaupt die Zeit, das zu konsumieren?“ die Aufmerksamkeit auf etwas, was uns wirklich (meistens) fehlt: Zeit. Zeug gibt es massig. Zeit kann nicht vermehrt werden. Zeug frisst Zeit. Und Zeug kaufen, frisst Zeit. Wer samstags im Shoppingtempel abhängt, hat gar keine Zeit, das zu nutzen, was er beim letzten Mal erworben hat.

Und nochmal, weil ich es so stark finde: Viele Menschen vergeuden ihr Leben, um Zeug zu kaufen, das sie dann nur (obendrein mit schlechtem Gewissen) zwischenlagern und letztlich entsorgen.

Wollt ihr so eine(r) sein?

 

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6 Antworten zu Der Konsument konsumiert nicht.

  1. Sathiya schreibt:

    Das ist genau das, was ich denke. Sehr gut geschrieben und gekonnt auf den Punkt gebracht.
    Vielen Dank!
    Lg, Sathiya

  2. Pingback: Woche 11 – Unsere Netzhighlights | Apfelmädchen & sadfsh

  3. Hans-Jürgen schreibt:

    Hallo!

    Jetzt hoffe ich mal, hier nicht falsch zu sein, da ich zum einen nicht weiblich bin, und zum anderen ich ursprünglich eine Seite gefunden hatte ( https://konsumrebellion.wordpress.com/2012/06/27/hallo-welt/ ), die sich erstmal nicht speziell auf Kleidungs-Konsum, sondern Konsum allgemein bezog. Und zu diesem allgemeinen Konsum wollte ich hier eigentlich auch etwas kommentieren, ohne Bezug zu Klamotten – sondern eher mit Bezug zu diesem interessanten Buchauszug.

    Vor einigen Monaten habe ich es in meinem Freundeskreis mit etwas anderen Worten diskutiert: unser Konsum hat nichts mehr mit einer Bedarfsgesellschaft zu tun – erst zu überlegen, was wir (wirklich) brauchen, dann überlegen, ob wir es wollen und ob wir es bezahlen können, und dann ggf. kaufen. Nein, wir sind heute in einer „ich hol mir alles was mein Geldbeutel hergibt“-Gesellschaft – egal wie niedrig der Beweggrund ist, ob etwas wirklich gebraucht wird oder nicht…. und wenn nicht, dann wird „brauchen“, so wie die Industrie es immer schärfer in den „Konsumenten“ eintrichtert, an kleinen Unterschieden zum aktuellen Istzustand festgemacht. Desweiteren soll doch bitte alles sofort weggeworfen werden, was einen kleinen Fehler hat oder irgendwelchen nachrangigen Detailanforderungen nicht genügt, die aber durch Industrie und/oder sozialen Druck (und andere Effekte) als scheinbar wichtig proklamiert werden.

    Da ich beruflich und privat viel mit Technik zu tun habe und dementsprechend auch mit Leuten, die diverse „Meinungen“ dazu haben, und mich in privat und in meinem erreichbaren Umfeld sehr für Nachhaltigkeit und Wegwerfreduktion einsetze, bin ich manchmal schon entsetzt, wie selbst Personen, die man im ersten Moment als meinungsstabil einschätzt, sich durch den Konsumterrorismus leiten lassen und Stunden mit der Auswahl ihrer vermeintlich wichtigen Anschaffung zubringen (und wenn sie dann da ist, mit dem Ärger den sie macht, und der Unvollkommenheit die sie hat), anstatt z.B. darüber nachzudenken, einfach mit dem Vorhandenen zufriedenzusein, seinen Nutzen zu genießen und im Falle eines Fehlers es ggf. einfach zu reparieren – nicht nur „wenn es sich gerade noch lohnt“, sondern vielleicht auch, weil das Vorhandene wirklich zufriedenstellt und man keine neue „Action“ durch Produktfrust im Leben braucht. Oft scheint aber gerade die gewünscht zu sein, sind es doch immer tolle Gespräche dann bei der Arbeit, wie man fast mit der eigenen Unzufriedenheit prahlen muß…
    Und das alles bewußt erstmal frei von ökologischen Aspekten, Nachhaltigkeit o.ä. gesehen, sondern nur an der eigenen möglichen (Un-)zufriedenheit, je nach Wahl, festgemacht.

    In vielen technischen Bereichen lebe ich persönlich mit Dingen, die gebraucht (und damit oft geschenkt) zu mir kommen, und die in vielen qualitativen Belangen oft besser sind (und ggf. besser reparabel), als vieles von dem neuen „Mist“ aus den Läden. Neben den praktischen Aspekten sehe ich es auch als eine bewußte Rebellion, zeigen zu können, daß auch ein Leben möglich ist, ohne jeden Hype mitzumachen. Und auch wenn man es vielleicht nicht glauben mag, aber mir fehlt dadurch nichts! Ein paar Beispiele:

    – mein Laptop ist 12 Jahre alt, da während Studium gebraucht gekauft, und funktioniert noch immer bestens
    – ich verzichte aus einer Vielzahl von Gründen auf Smartphones und habe ein ganz einfaches Handy zum Telefonieren und SMS-Schreiben, das schon einige Jahre alt und zuverlässig ist
    – ich brauche keinen ach so tolle Monster-LCD-Fernseher o.ä., sondern habe die gute alte Röhre zuhause – sogar mehrfach, da diese Geräte, vor einigen Jahren teils für mehrere 1000 EUR gekauft, von der Masse als wertlos gesehen werden

    Wenn es jetzt nicht schon so spät und ich müde wäre, ließe sich die Liste sicher noch fortsetzen – aber als ein Beispiel sollte sie schonmal genügen.

    Übrigens, weil ich in einem Beitrag gelesen habe, daß es im deutschsprachigen Raum keine (bekannte) konsumkritische Seite geben soll: eine, die in machen (nicht allen) Aspekten meines Erachtens recht interessant sein kann, ist http://www.konsumpf.de .

    Für eventuelle Rückmeldungen oder Diskussionen bin ich gerne offen,

    ansonsten weiterhin viel Freude und Leserschaft mit den interessanten Veröffentlichungen hier!

    Beste Grüße,

    Hans-Jürgen

    • konsumrebellin schreibt:

      Vielen Dank für deinen umfangreichen Kommentar. Damit kommst du schon mal in mein persönliches Guiness-Buch der Kommentare 😉 Aber Spaß beiseite. Du bist hier schon richtig, aber aus unerfindlichen Gründen auf einer sehr frühen Version meiner „Über diesen Blog“-Seite gelandet. Wieso die noch im Netz herumgeistert, weiß wahrscheinlich nicht mal WordPress.

      Es geht hier natürlich nicht nur um Klamottenkonsum. Aber da ich eine Frau bin und typischerweise meine Schwächen eben da liegen (oder lagen?) spielt das hier schon eine größere Rolle. Bei Technik war ich nämlich zum Beispiel schon immer absolut vernünftig und kaufe mir nur was Neues, wenn es tatsächlich nicht mehr anders geht. Selbst im Büro habe ich bis vor eineinhalb Jahren standhaft an meinem alten G5-Mac aus 2001 festgehalten – allerdings muss ich der Gerechtigkeit halber zugeben, dass es sich mit dem neuen Modell doch erheblich schneller arbeitet 😉

      Zuhause haben wir auch einen 14 Jahre alten Löwe-Röhren-Fernseher, was aber auch egal ist, da wir eh fast nie fernsehen. DVDs schauen wir über einen Beamer aus 2005, der es noch prima tut (unser Wohnzimmer ist schlicht zu groß für eine andere Lösung). Auch unseren 850er Volvo haben wir nur abgegeben, weil wir mir roter Plakette in fast keine Stadt mehr kommen … wie du siehst, bin ich ganz bei dir 🙂

      Und ich stimme dir auch zu, dass viele eigentlich intelligente Leute schon so wahnsinnig konsum-konditioniert sind, dass sie noch nicht mal merken, in welchem Hamsterrad sie laufen. Wenn ich mir etwas Überflüssiges kaufe (ja, kommt immer noch vor), weiß ich wenigstens, dass das Blödsinn ist.

      Ich habe inzwischen auch einige deutschsprachige konsumkritische Blogs gefunden (u.a. auch Konsumpf). Deutsche Blog lese ich lustigerweise erst so richtig, seit ich selber blogge. Vorher waren es jahrelang nur amerikanische – daher auch die ursprüngliche Unkenntnis.

      Das Buch von Harald Welzer ist übrigens wirklich gut (obwohl du das wahrscheinlich nicht brauchst).

      Schöne Grüße und schaue gerne mal wieder hier vorbei!

      • Hans-Jürgen schreibt:

        Hallo!

        Danke für die nette und sehr ausführliche Rückmeldung 🙂 Übrigens ist das mit der „alten“ Seite schon nachvollziehbar – die „neue“ mit selbem Inhalt scheint ja diese zu sein: https://konsumrebellion.wordpress.com/eine-seite/ – bei einem CMS, was WordPress ja technisch ist, wird der Inhalt meist zentral in einer Datenbank gespeichert und kann über diverse „Aliase“ aufgerufen werden, wo hinsichtlich der Permanenz von Links gerne alte Aliase als Alternative zur „umstrukturierten“ Adresse weiter vorgehalten werden. Allerdings sind die Kommentare weniger und andere auf der „alten“ Seite – das ist dann wieder unlogisch… aber egal, war ja nur Nebenthema 🙂

        Das freut mich, daß Du auch im technischen Bereich nicht mit simplem Wegwerfdenken unterwegs bist – es gibt hier wohl zum Glück mehr Leute, als man oft wahrnimmt, die noch so denken – aber es besteht auch ständig die Gefahr, daß – gerade wenn sie technisch weniger versiert sind – die Werbemaschinerie auch diese Leute auf die Kurzlebigkeits-Konsumschiene umschwenken läßt, und wenns nur aus Verzweiflung ist: „ich kanns ja eh nicht reparieren, auch wenn ichs gern würde, also weg damit“ und dann im zweiten Schritt entweder „wenn eh nix mehr richtig hut ist nehm ich gleich das Billige, dann fällt das Wegwerfen nicht schwer“ (schlecht) oder „Grundig/Telefunken/AEG/Dual/Nordmende/wasauchimmer war immer so gut, dann nehm ich das wieder“ (auch schlecht, weil die gelisteten Namen alle nur noch Handelsmarken von billigem Mist sind, die sich aber gerade bei älteren Leuten noch als „Qualität“ eingeprägt hatten).

        Was mich allgemein, egal ob Technik oder Klamotten, ziemlich ärgert: die Industrie versucht eigentlich ständig, Unzufriedenheit bei den „Konsumenten“ (schrechliches Wort und schreckliche Reduktion) zu schüren. Spätestens in der Sekunde, wo man etwas gekauft hat, wird das schon wieder madig gemacht und soll gefälligst entweder ersetzt, oder durch noch eine andere Variante oder Zubehör ergänzt werden, ohne die/das man ja nur halblebig ist. Hier könnte man wieder zu dem Buchauszug zurückkommen: das Gekaufte wird nicht genutzt, sondern man muß durch noch mehr Konsum die noch/wieder große Unzufriedenheit kompensieren.

        Auch ich bin absolut nicht gegen Genuß oder „sich was zu leisten“, im Gegenteil: für einen reinen Emotionskauf nach dem Motto „nett, das gefällt mir“, wonach man an etwas vielleicht wirklich Freude hat, habe ich mittlerweile deutlich mehr Verständnis als für aus dieser künstlichen, geschürten Unzufriedenheit heraus getätigten Käufe, weil deren implizierter Zwang auch noch wie ein Naturgesetzt gepredigt und zum Ausüben sozialen Drucks genutzt wird: „mit dem Fernseher kannst Du ja nicht mal …“ oder „Deine Klamotten sind ja schon so aus der Mode …“ usw. …

        Wenn man versucht, das „Handwerkszeug“ gegen diesen Konssumterrorismus zurechtzulegen, findet man in erster Linie eigentlich einen Punkt: Selbstbewußtsein. Ohne dieses in irgendeiner (möglichst starken) Ausprägung scheint es nicht möglich, sich dem scheinbaren „Diktat“ von Werbung, Gruppendruck und auch politisch forciertem Druck zum Konsum zu widersetzen. Oder habe ich da was übersehen, was eine alternative Grundeigenschaft sein kann, die „Neinsagen“ erlauben würde?

        Zum Thema „politisch forciertem Druck“: hier finde ich es insbesondere pervers, wie man versucht, beispielsweise die „vernünftige“ und „rationale“ Gruppe der „Umweltbewußten“ (oder die es sein wollen) zu ködern und zum Konsum zu zwingen, beispielsweise mit diversen „Energiespar“-Themen, deren Kernabsicht eigentlich auch ein gewolltes Unzufriedensein mit der eigenen Situation ist. Die Presse ist ja bereitwilliger Helfer, diese Ansichten weiterzutragen…

        Auch bei solchen scheinbar ehrenwerten Deckmäntelchen ist daher eine gewisse Vorsicht angebracht.

        Ja, es ist ein weites Feld, und man kann viel schreiben… aber für den Moment soll das mal reichen 😉

        Beste Grüße!

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