Haben versus Sein.

zitat_habseligkeiten

Ich habe hier lange nichts von mir hören lassen.

Ich könnte jetzt sagen, ich hatte keine Zeit. Aber das stimmt nicht. Ich hatte eine Schreibblockade. Weil ich mit mir uneins war.

Darüber, wie weit man (oder besser: ich) Konsumverzicht sinnvollerweise treiben sollte. Darüber, wie weit ich mich eigentlich von unserer Gesellschaft, die nun mal eine Konsumgesellschaft ist, entfernen wil. Und natürlich auch darüber, wie es mit diesem Blog weitergeht. Denn seien wir mal ehrlich: mein Kleiderschrank, Berichte über Dinge, die ich gekauft oder nicht gekauft habe und gelegentliches Konsumwahn-Bashing sind nun auch nicht so superspannend.

So ganz klar bin ich mir über das alles immer noch nicht.

Aber heute morgen im Bahnhofs-Presseshop sprang mich dieser Zeitschriftentitel an, an dem ich natürlich nicht vorbeigehen konnte:

39-HL0314_cover-4c-224x300

Praktischerweise gibt es hier den Leitartikel zum Thema „Haben versus Sein“ als PDF. Und dieser intelligente, komplett ideologiefreie Aufsatz passt wie die Faust aufs Auge zu den Gedanken, die mich seit einiger Zeit umtreiben und für eine handfeste konsumrebellische Schreibblockade gesorgt haben. Vermutlich hatte er befreiende Wirkung, denn ich kann wieder schreiben 😉

Ich habe nämlich schon immer so meine Bauchschmerzen mit exzessivem Minimalismus und totaler Ablehnung von Habseligkeiten. Nicht nur, weil ich sicher eher ein Genussmensch bin. Ich frage mich einfach, ob das sinnvoll ist. Wenn man wie ich die ersten zwanzig Jahre seines Lebens in einem Mangelwirtschafts-Land verbracht hat, weiß man, dass fehlendes Konsumangebot nicht primär befreiend ist. Es hindert die Menschen auch an der Selbstentfaltung.

Wenn ich keinen Rechner habe, kann ich nicht bloggen. Wenn ich keine gescheite Fotoausrüstung habe, kann ich nicht gut fotografieren. Ohne Farben und Untergründe  kann ich nicht malen. Und ohne schöne Wolle macht das Stricken keinen Spaß (na ja, nicht, dass ich stricken würde).

Haben sich die Aufmerksamen unter euch gewundert, dass ich so ein altmodisches Wort wie „Habseligkeiten“ verwende? Das hat seinen Grund. Der Artikel löst nämlich zum Schluß den scheinbaren Widerspruch zwischen Haben und Sein sehr schön auf und definiert dabei, was man haben sollte und was nicht:

Habseligkeiten sind jene Dinge, die zu haben sich lohnt, weil sie das Sein verändern. Auf alles andere kann man verzichten.

Fazit: Es geht nicht darum, jegliches Haben (und Habenwollen) abzulehnen. Es geht darum, Haben und Sein zu einer gelungenen Synthese zu verbinden. Das ist natürlich immer noch keine praktisches Rezept für den Alltag. Man muss schon selber nachdenken, welche Habseligkeiten das eigene Sein (positiv) verändern.

Trotzdem eine klare Leseempfehlung – zumal man den Artikel ja nicht mal kaufen muss, um ihn zu haben 😉

Ein schönes Wochenende euch allen

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Downscaling, Shoppingdiät + Konsumverzicht abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Haben versus Sein.

  1. essen & l(i)eben schreibt:

    Ein sehr schöner Artikel und der Begriff der Habseligkeiten trifft sicher, das erstrebenswerte. So habe ich aber auch die/deine Konsumrebellion immer verstanden. Es ging nicht darum, Konsum an sich zu verteufeln sondern langfristig bewusster zu konsumieren.

    Ansonsten bleibt die Frage offen: was Du Dir von der eingangs erwähnten Fee wünschen würdest. Für mich wäre es definitiv nicht „viel, viel Geld“. Zufriedenheit (zumindest „unterm Strich“) finde ich das erstrebenswertere Ziel

    • konsumrebellin schreibt:

      Liebe Natalie, sorry für die späte Reaktion – war etwas stressig die letzten Tage 😉

      Was die Feenfrage angeht, liegst du schon ganz richtig. Natürlich braucht man schon ein bisschen Geld für ein anständiges Leben, aber es gibt so viele Leute mit sehr viel Geld, die schrecklich unzufrieden – und damit auch unglücklich – sind, dass dies sicher nicht der richtige Wunsch wäre.

      Mit sich und seinem Leben (meistens) im Reinen zu sein, ist auch der beste Weg, glücklich und zufrieden zu sein. Und das ist doch genau das, was sich die meisten Menschen eigentlich von viel, viel Geld erhoffen.

  2. Romy schreibt:

    da kann ich nur zustimmen – bewusst ist der schlüssel.wir haben das glück jederzeit kaufen zu können was wir wollen (theoretisch) und wir haben das recht selbst zu entscheiden – man muss konsum nicht aufgeben, sondern für die eigene zufriedenheit anpassen.

    • konsumrebellin schreibt:

      Da hast du absolut recht. Allerdings muss man sich vorab auch über seine eigene Zufriedenheit Gedanken machen bzw. lernen, überhaupt wieder mit etwas zufrieden zu sein.

      Denn es ist schließlich ein Grundzug der Konsumgesellschaft, von unserer Unzufriedenheit zu leben und diese deshalb auch schön zu pflegen 😉

  3. trix schreibt:

    Hi. Danke für die Anregung. Du hast mich neugierig auf den Artikel gemacht. Ich finde, Habseligkeiten ist ein wunderbares Wort. 😉 Und ehrlich, es ist gut, sein Handeln ab und an mal zu überdenken. Wenn die Freude oder der Sinn, den man mit seinem Tun verbindet, abhanden kommt, dann isses ja auch nix, oder? lg

  4. Lelula schreibt:

    Huhu, habe grade deinen Blog entdeckt und bin schwer begeistert.

    Bei Überschrift musste ich sofort an Erich Fromm denken, und siehe da – genau darauf bezieht sich der Artikel. Ich finde das ganze Thema auch sehr spannend und bin dankbar für diesen Link dazu. Das komplette Buch „Haben oder Sein“ von Fromm ist sehr lesenwert und ich finde darin (und in anderen Büchern von ihm) viele Sätze die als gute Lebensweisheiten durchgehen 😉

    • konsumrebellin schreibt:

      Ganz lieben Dank 🙂 … auch dafür, dass du mich gerade wieder an Erich Fromm erinnerst. Ich will das Buch seit Ewigkeiten schon lesen, habe es aber dummerweise schon vor langer Zeit säuberlich ins Bücherregal einsortiert, wo ich es regelmäßig übersehe, wenn ich das nächste Buch zum Lesen heraussuche .. jetzt kommt aber wirklic ganz oben auf den „Bald zu lesen-Stapel“.

      Liebe Grüße

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s